Im Gegensatz zu vielen Obstgehölzen oder Zierpflanzen ist ein klassischer Rückschnitt beim Kohl eher die Ausnahme, erfüllt aber in bestimmten Situationen wichtige Funktionen. Man greift hier weniger zur Schere, um die Form zu gestalten, sondern vielmehr um die Pflanzengesundheit zu erhalten oder die Erntezeit zu verlängern. Es erfordert ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl, um zu entscheiden, welche Blätter entfernt werden müssen und welche für die Energieversorgung noch unverzichtbar sind. Wer diese Technik beherrscht, kann die Vitalität seiner Kohlkulturen bis spät in den Herbst hinein aktiv steuern und unterstützen.
Das Entfernen der untersten, oft schon gelblichen oder welken Blätter ist eine der häufigsten Schnittmaßnahmen im professionellen Kohlanbau. Diese Blätter haben ihre Schuldigkeit für die Photosynthese meist getan und liegen oft direkt auf dem feuchten Erdboden auf. Durch das Wegnehmen dieser „alten“ Blätter verbessert man die Luftzirkulation im bodennahen Bereich und reduziert das Risiko für Pilzinfektionen erheblich. Man bricht die Blätter am besten mit einem sauberen Ruck nach unten ab, um eine glatte Wundfläche direkt am Strunk zu erhalten.
Bei Sorten wie dem Rosenkohl gibt es eine spezielle Technik, bei der das Kappen der Triebspitze am Ende der Saison das Wachstum der Röschen fördert. Wenn man die oberste Spitze etwa im September oder Oktober entfernt, leitet die Pflanze ihre gesamte Energie in die Ausbildung der seitlichen Knospen um. Man verhindert so, dass die Pflanze weiter in die Höhe schießt, während die unteren Röschen noch klein und locker bleiben. Es ist ein gezielter Eingriff in den Hormonhaushalt der Pflanze, der die Qualität der Ernte massiv steigern kann.
Verletzte oder von Schädlingen stark zerfressene Blätter sollten ebenfalls zeitnah entfernt werden, um keine Eintrittspforten für Fäulniserreger zu bieten. Man sollte dabei jedoch darauf achten, nicht zu viele gesunde Blätter auf einmal wegzunehmen, da dies die Pflanze schwächen und das Wachstum stoppen könnte. Ein gesundes Maß ist hierbei entscheidend: Man entfernt nur das Nötigste, um die Hygiene zu wahren, lässt aber genug Grün für die Versorgung der Köpfe stehen. Wer hier zu radikal vorgeht, riskiert, dass die Köpfe nicht mehr ihre volle Größe erreichen können.
Ernteschnitttechniken für Folgeerträge
Bei bestimmten Kohlarten wie dem Brokkoli oder manchen Grünkohlsorten kann durch einen geschickten Ernteschnitt eine zweite oder sogar dritte Ernte provoziert werden. Wenn man den Hauptkopf des Brokkoli rechtzeitig schneidet, entwickeln sich aus den Blattachseln oft viele kleinere Seitentriebe, die ebenfalls essbar sind. Man sollte den Schnitt schräg ansetzen, damit Regenwasser von der Wundfläche ablaufen kann und keine Fäulnis am Strunk entsteht. So verlängert man die Ernteperiode über viele Wochen und nutzt das Regenerationspotenzial der Pflanze voll aus.
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Grünkohl wird oft blattweise von unten nach oben geerntet, während das Herz der Pflanze stehen bleibt und kontinuierlich neue Blätter produziert. Man schneidet dabei nur die jeweils größten, voll ausgereiften Blätter ab und lässt die jungen Herzblätter für das weitere Wachstum unangetastet. Diese Methode erlaubt es, über den gesamten Winter hinweg immer wieder frisches Grün für die Küche zu schneiden. Man behandelt die Pflanze quasi wie eine „Dauerquelle“ für Vitamine, solange der Frost nicht zu extrem wird.
Nach dem Schnitt ist es ratsam, die Wundstellen kurz zu beobachten, besonders bei feuchter Witterung, um Infektionen frühzeitig zu erkennen. In der Regel heilen die Schnittflächen bei Kohlpflanzen sehr schnell ab und bilden ein schützendes Kallusgewebe, das den Strunk versiegelt. Man sollte jedoch vermeiden, bei Regen zu schneiden, da die Feuchtigkeit die Keime direkt in das offene Gewebe spülen könnte. Ein trockener, sonniger Tag ist der ideale Zeitpunkt für alle Arbeiten mit dem Messer am Kohl.
Die Werkzeuge für den Schnitt müssen absolut scharf sein, um das Gewebe nicht zu quetschen, was die Heilung unnötig verzögern würde. Man sollte das Messer zudem regelmäßig desinfizieren, besonders wenn man von einer kranken zu einer gesunden Pflanze wechselt. Ein sauberer Schnitt ist die beste Versicherung gegen das Eindringen von Bakterien, die den Strunk von innen heraus verfaulen lassen könnten. Wer sein Werkzeug pflegt, sorgt indirekt auch für die Gesundheit seiner wertvollen Kohlpflanzen im Garten.
Pflege nach dem ersten Schnitt
Nachdem eine größere Menge an Blattmasse oder der Hauptkopf entfernt wurde, benötigt die Pflanze oft eine kleine Unterstützung, um die Wundheilung zu bewältigen. Man kann den Boden um die Pflanze herum leicht lockern und gegebenenfalls eine winzige Menge Kompost nachlegen, um die Regeneration zu fördern. Eine moderate Wassergabe hilft der Pflanze, den Turgordruck in den verbliebenen Zellen aufrechtzuerhalten und den Stress zu reduzieren. Man zeigt der Pflanze durch diese Aufmerksamkeit, dass sie trotz des Teilverlustes weiterwachsen soll.
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Sollten nach dem Schnitt Schädlinge wie die Kohlfliege die offenen Wundflächen besiedeln, muss man schnell reagieren, um den Strunk zu retten. Man kann die Basis der Pflanze nach dem Ernten der unteren Blätter erneut leicht mit Erde anhäufeln, um die frischen Wunden zu bedecken. Dies schützt nicht nur vor Insekten, sondern stabilisiert die Pflanze auch gegen Wind, da der Schwerpunkt nach der Ernte oft verschoben ist. Man arbeitet mit der Natur zusammen, um den verbliebenen Teil der Pflanze so stark wie möglich zu halten.
In manchen Fällen, wenn der Kohl zu früh in die Blüte zu gehen droht (Schossen), kann ein beherzter Rückschnitt der Blütentriebe die Pflanze kurzzeitig beruhigen. Man verzögert dadurch den Prozess der Samenbildung und hofft, dass die Pflanze noch einmal Energie in die Blattmasse steckt. Dies funktioniert jedoch nur bedingt und erfordert ein schnelles Eingreifen, sobald sich die ersten Ansätze der Blütenknospen zeigen. Wer hier zu lange wartet, wird die Pflanze nicht mehr umstimmen können, da der genetische Schalter bereits umgelegt ist.
Am Ende des Lebenszyklus, wenn die gesamte Pflanze geerntet ist, sollte man auch den Strunk mitsamt den Wurzeln vollständig aus der Erde entfernen. Man lässt diese Reste nicht im Beet verrotten, um die Anreicherung von bodenbürtigen Krankheiten wie der Kohlhernie konsequent zu vermeiden. Der abschließende „Schnitt“ unter der Erdoberfläche ist somit der letzte Akt der Hygiene für die abgelaufene Saison. Man hinterlässt ein sauberes Beet, das bereit ist für die Gründüngung oder die wohlverdiente Winterruhe der Erde.